#proloco Deine EKBO proudly presents: Vikarin Anita Kern, Pfarrsprengel Lindenberg-Buchholz: „Bereits am ersten Tag liebte ich das Land.“

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Anita Kern absolviert ihr Vikariat bis Ende des Jahres 2017 in der Prignitz, im Pfarrsprengel mit dem wunderschönen Namen Lindenberg-Buchholz. Aufgewachsen ist sie in Berlin-Frohnau. Nach dem Abitur verbrachte sie sieben Monate in Israel und studierte schließlich evangelische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Finanziert hat sie ihr Studium mit Nachtwachen in einem Wohnheim für Menschen mit psychischer Erkrankung. Sie läuft leidenschaftlich gern und war 2012 stolze Finisherin des Berlin-Marathons.
Das 3. Deine-EKBO-Sommerinterview haben wir mit Anita geführt.
Anita, du bist seit September 2015 Vikarin im Kirchenkreis Prignitz, im Pfarrsprengel Lindenberg-Buchholz. Was macht diesen Ort aus? Man kann einiges googeln übers frischsanierte Pfarrhaus, die generalüberholte Orgel, den Eine-Welt-Laden…

Das erste halbe Jahr hatte ich das religionspädagogische Vikariat in Pritzwalk durchlebt. Seit März 2016 bin ich nun im Pfarrsprengel Lindenberg-Buchholz mit und ohne meinen Mentor unterwegs. Ich wusste erst gar nicht, was ein Pfarrsprengel ist. Kurz gesagt, es sind hier konkret ca. 18 Dörfer mit 12 Kirchen, die von einem Pfarrer zu betreuen sind.

Ich wusste erst gar nicht, was ein Pfarrsprengel ist.

Ich lebe also mitten auf’m Land. In dem Dorf, in Buchholz, wo ich wohne, gibt es immerhin eine Gaststätte und eine Kegelbahn. Das war zwar schon alles, aber im Gegensatz zu anderen Dörfern richtig viel. Alles ist relativ. Bevor ich von Lindenberg erzähle, muss ich zunächst festhalten, dass Buchholz und Lindenberg ihr Gemeindeleben eher parallel zueinander führen.

Ja, wie Sie Familie Google bereits befragt haben, sehen Sie, dass in Lindenberg einiges los ist. Besonders lose sind zur Zeit die Kirchenbänke und die Dachziegeln, denn die Kirche wird von innen und außen saniert. Und das Wichtigste ist, dass neben der Kirche mitten im Chaos das Blumenbeet erhalten bleibt. Ja, einen kleinen Weltladen haben wir, den wir mit Ware aus dem Pritzwalker Weltladen bestücken können. Als wir z.B. von März bis Juni regelmäßig Konzerte in der Kirche hatten (vor Sanierungsbeginn), konnten die Besucher im Weltladen Reis und Kokosmich kaufen. Nein, hier gibt es keine weitere Einkaufsmöglichkeit mehr. Als ich vor über einem Jahr hier in der Gemeinde anfing, erzählten mir die Menschen immer mit einem sehnsuchtsvollen Blick in die Vergangenheit wie einst dieses Lindenberg vor Leben geblüht hat. Manchmal ist das auch für mich schwer auszuhalten. Auch wenn es bei uns im letzten Jahr keine Konfis gab, gibt es einen Kindertreff mit ca. 13 Kindern.

Manchmal ist das auch für mich schwer auszuhalten.

Für unsere Verhältnisse steppt da der Bär. Ich wäre an manchen Sonntagen froh, wenn so viele in den Gottesdienst kämen. Aber nein, so schlimm ist es nicht. Die Menschen sind da, und die da sind, sind offen und herzlich.


Tagesschausprecher Jens Riewa sagte gerade in einem Interview, die Prignitz habe mit ihm einen neuen Fan. Nach fünf Minuten in der Prignitz habe er einen Ruhepuls. Was lässt einen Städter so von der Prignitz schwärmen?

Hier gibt es Schwärme von Kranichen und anderen Vögeln, die sich mir noch nicht vorgestellt haben. Gestern sah ich durch Lindenberg zwei Störche fliegen. Bisher habe ich Störche immer nur rumstehen sehen. Gestern konnte ich das erste Mal sehen, wie schön sie im Flug aussehen.

Der Ruhepuls kommt durch die Natur, die ich sehr liebe. Ruhe und Stille und Weite.

Ja, der Ruhepuls kommt durch die Natur, die ich sehr liebe. Ruhe und Stille und Weite. Und wenn ich an Schwarm denke, fällt mir ein, dass ich mittlerweile viel über Bienen gelernt habe. Eines Tages werde ich noch Imkerin. Und toll ist, dass es Parkplätze mehr als genug gibt und man selten im Stau steht. Dafür gibt es manchmal ganz unheimlichen Nebel. Ich habe einiges gelernt – unter anderem, wo sich die Nebelleuchte in meinem Auto befindet. Aber das ist auch im übertragenen Sinne gemeint.


Wann bist du zum Prignitz-Fan geworden?

Bereits am ersten Abend liebte ich das Land. Denn als ich im September 2015 hier einen Tag vor Schulbeginn einflog, erlebte ich einen wunderschönen Sonnenuntergang.


Was vermisst du an Berlin?

Ganz spontan: viele meiner Freunde. Denn durch das viele Pendeln zwischen Prignitz – Berlin – Wittenberg habe ich wenig Zeit gefunden. Das muss sich irgendwie wieder ändern. Und wenn ich telefonieren will, dann funktioniert regelmäßig dieses blöde Handynetz nicht.


Wie kam es eigentlich zu deinem Vikariat zwischen Hamburg und Berlin?

Ach, eigentlich ganz unspektakulär. Mir war klar, dass ich als Berlinerin „über den Tellerrand“ schauen muss, also habe ich „hier“ geschrien. Es war nicht immer leicht, aber bereuen tue ich es auf gar keinen Fall.


Mit welchen Erwartungen und auch Befürchtungen bist du ins Vikariat gegangen?

Befürchtet hatte ich das mit dem schlechten Handynetz. Diese Befürchtung ist auch zur Realität geworden. Und das erste halbe Jahr hatte ich auch kein vernünftiges Internet. Ich bin schier verzweifelt.


Im Dorf gibt es kein Geschäft mehr. Der Eine-Welt-Laden im Pfarrhaus ist darum auch eine Möglichkeit, eine Kleinigkeit zu finden. Was ist die Chance der evangelischen Kirche?

Oh, wie das so ist, zu tun hat man genug im Pfarreralltag. Furchtbar ist, dass die Fahrtwege immer länger werden. Wir sind hier im Dorf und für die Dörfer schon ein Ort der Öffentlichkeit, so dass man sagen kann, dass die Kirche hier eine Art gesellschaftspolitische Funktion und Verantwortung trägt. Ich erlebe auf jeden Fall, dass Menschen – nicht alle und vielleicht auch nicht viele – hier Kirche wahrnehmen und wollen. Schwer ist es u.a. deshalb, weil viele Gemeinden bereits lange Vakanzen erlebt haben. Und das wird wahrscheinlich nicht besser.

Kirche trägt hier gesellschaftliche Verantwortung.


Welches ist dein aktueller Lieblingsort?

Meine Hündin Luna und ich genießen hier unsere gemeinsamen Spaziergänge über Felder und in Wäldern.


Kannst du dir vorstellen, in der Prignitz Pfarrerin zu werden?

Darauf antworte ich mal so: ich habe gerade eine Hausarbeit über Systemische Seelsorge geschrieben und da habe ich gelernt, dass es die Haltung des Nicht-Wissens gibt. In dem Sinne: Schauen wir mal. Vorstellen kann ich mir viel, aber was davon der Realität entspricht, steht auf einem anderen Blatt.


Herzlichen Dank für das Gespräch, Anita. Gott segne dich und deinen Dienst.

Das Gespräch mit Anita Kern führte Dagmar Kelle.

 

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