#proloco Deine EKBO proudly presents: Superintendentin Eva-Maria Menard: „Die Peripherie ist das Zukunftslabor unserer Kirche. Mir war nicht bewusst, was für eine Irritation es auslöst, aus der Mitte der Mitte ins Zentrum der Peripherie zu wechseln.“

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Eva-Maria Menard ist seit Februar 2017 Superintendentin des Kirchenkreises Prignitz. Mit überwältigender Mehrheit hatten Ende letzten Jahres 95% der Synodalen für sie als erste Frau im Amt der leitenden Geistlichen im Kirchenkreis gestimmt. Gerade hat sie ihre Besuchstour in die 29 Pfarrsprengel und 200 Kirchen der 24 744 evangelischen Gemeindemitglieder abgeschlossen. Für die weiten Wege hat sie rechtzeitig zum Amtsantritt den Führerschein gemacht und sich ein Auto zugelegt. Nach 20 Jahren in Berlin, zuletzt an der Zionskirche und der Gemeinde am Weinberg in Berlin-Mitte, findet sie in der Prignitz einen Ort, der nicht fertig ist, wie sie sagt, und genau darum zahlreiche Gestaltungsmöglichkeiten bietet.
Das 5. Deine-EKBO-Sommerinterview haben wir mit Frau Menard geführt.
Frau Menard, im Februar sind Sie aus Berlin nach Brandenburg gegangen. Seitdem steht Ihr Schreibtisch in Perleberg. Sie leben und arbeiten als Superintendentin im Kirchenkreis Prignitz. Was ist der größte Unterschied zu Ihrem Leben in Berlin-Mitte?

Der größte Unterschied sind für mich nach wie vor die weiten Wege und das damit verbundene Autofahren. Die Wege stören mich bisher kaum, weil durch sie einfach weniger Termine in einen Tag passen und man zwischendurch Zeit zum Abschalten hat. In Berlin war der Tag viel enger getaktet.


Was sagen Ihre Freund*innen und Familie zu diesem Umzug?

Nun, wenn man älter wird, verteilen sich Familie und Freunde ja auf die Orte, an denen man schon lebte. Es gab auch ein Leben vor Berlin! Manche Wege sind jetzt kürzer geworden, andere länger, das gleicht sich gut aus. Da wir großzügige Gästezimmer haben und einen schönen Garten, sind Freunde und Familie eher häufiger zu Besuch als vorher, und dann nehme ich mir –  wenn möglich –  auch mehr Zeit.


Sie gelten als großer Glücksfall für die Prignitz und unsere Kirche. In welcher Hinsicht ist die Prignitz ein Glücksfall für Sie?

Ups, wer behauptet, dass ich als Glücksfall gelte? Die Prignitzer würden das so nicht formulieren, die sind eher nüchtern in Wesen und Wortwahl, was mir gelegen kommt. Insofern ist die Prignitz auch kein Glücksfall für mich, sondern eine spannende Herausforderung. Ich glaube, ich gehe gern an Orte, die nicht fertig sind, wo ich Möglichkeiten zum Gestalten entdecke, Ideen entwickeln kann, Neues ausprobiere. Das galt für die Zionskirche und die Gemeinde am Weinberg, und das gilt auch für den Kirchenkreis Prignitz. Und wenn ich gemeinsam mit anderen erleben darf, dass manche Veränderung greift und Gestalt gewinnt, dann ist das ein großes Glück.


Mit welchen Erwartungen und vielleicht auch Befürchtungen sind Sie in die Prignitz gegangen?

Weder mit besonderen Erwartungen oder gar Befürchtungen. Mich hat ein Leitungsamt gereizt, also Verantwortung für einen größeren Bereich als eine einzelne Kirchengemeinde zu übernehmen Ich lebte 20 Jahre in Berlin und fand, dass dazu auch ein Ortswechsel mal ganz schön wäre. Mir ist gar nicht bewusst gewesen, was für eine Irritation es auslöst, aus der Mitte der Mitte ins Zentrum der Peripherie zu wechseln. Ich halte das für normal, ist es aber offenbar nicht. Das wiederum irritiert mich und lässt mich nach unseren Bildern im Kopf, nach kirchlichem Selbstverständnis und neu nach unserem Auftrag und unserer Berufung fragen.


Was gehört zu Ihren wichtigsten Aufgaben?

Im Grunde hat sich meine wichtigste Aufgabe aus der oben benannten Irritation ergeben. Ich werbe dafür, das „Kirche auf dem Land“ und „Kirche in der Stadt“ einander wertschätzen und anregen. Wir zehren voneinander. Junge Leute, die in die Großstadt aufbrechen, kommen von dort mit Erfahrungen, Ideen und auch spirituellen Anregungen zurück. Das Land bietet Rückzugsräume, Zeiten für Stille, eine größere Beständigkeit und viel Platz. Als Kirche sind wir an die Menschen in Stadt und Land gewiesen. Und an die, die dazwischen pendeln – regelmäßig oder dann und wann. Tausende – meist Hamburger oder Berliner – radeln und pilgern durch die Prignitz. Kulturinteressierte bestaunen die altehrwürdigen Dorfkirchen. Großstadtmüde sanieren sich hier ein altes Bauernhaus.

Darüber hinaus habe ich meine Besuchstour durch die 29 Pfarrsprengel abgeschlossen. Mir war es sehr wichtig, die Kirchen – 200 an der Zahl – und die Verantwortlichen vor Ort kennen zu lernen. Ich habe so viel gesehen und erfahren. Dieser Reichtum ist ganz wunderbar und kostbar. Natürlich gibt es auch Sorgen und manchen Konflikt. Das bleibt nicht aus.


Die letzten zehn Jahre waren Sie Pfarrerin an der Zionskirche in Berlin-Mitte Schon Ihr Vater war Pfarrer und auch Ihr Ehemann ist Pfarrer der EKBO. Kirche ist für Sie absolut kein Fremdwort. Was ist die Chance von Pfarrerinnen und Pfarrern und ordinierten Gemeindepädagog*innen in der Prignitz?

Die Peripherie ist das Zukunftslabor unserer Kirche. Hier können und werden Dinge erprobt, hier ist Spielraum für Ideen und erste Schritte im Pfarramt, hier kann man Dinge einfach mal anders machen. Hier gibt es sie noch, die sprichwörtliche „Kirche im Dorf“, bei immerhin 25% Kirchenmitgliedschaft. Kirche wird gefragt und gehört, das ist wirklich eine tolle Chance. Auch, um über den Tellerrand der eigenen Strukturen hinaus zu schauen und sich mit anderen Akteuren der Zivilgesellschaft zu verbinden.


Wer wird in der Prignitz gebraucht?

Menschen werden gebraucht. Besonders LehrerInnen, ÄrztInnen, ErzieherInnen PfarrerInnen, die ihren Beruf als Berufung verstehen und für und mit anderen hier leben wollen. Menschen, die neugierig sind und offen, im kleinen Alltag die große Schönheit des Lebens zu entdecken. Menschen, die den weiten Blick mögen und gern Visionen entwickeln.

Wertschätzung und Augenhöhe. Ich halte das für das Entscheidende. Und dann finden sich auch die passenden Unterstützungsleistungen, die sich ja am individuellen Bedarf ausrichten müssen.


Warum sollten sich Studierende die Prignitz einmal genauer ansehen? Und welche Gelegenheiten gibt es dazu?

Ich finde es immer wichtig, sich ein Bild vor Ort zu machen. Spontane Gelegenheiten zum Kennenlernen gibt es reichlich. Und wer hier in der Superintendentur nach einem Termin fragt, bekommt zeitnah einen. Gern würde ich auch mit dem Studierendenkonvent und den Vikariatskursen enger zusammen arbeiten. Mit ihnen diskutieren, was es bedeutet, in heutiger Zeit „Kirche auf dem Land“ zu gestalten. Was ist bewahrenswert, was sollte sich ändern, wie kann es gelingen, Brücken zu bauen zwischen städtischen und ländlichen Erfahrungen usw.


Wo gäbe es zum Beispiel die Möglichkeit für ein Praktikum?

Da fallen mir viele Orte ein. Die Möglichkeit für ein eher kleinstädtisch geprägtes Praktikum gäbe es in Kyritz, Wusterhausen, Perleberg, Havelberg, Bad Wilsnack, Neustadt. Wer so richtig mal Landpfarramt mit vielen Dörfern erleben will, ist in der Westprignitz willkommen oder auch im Pfarrsprengel Breddin-Barenthin. Eine Obdach für die Praktikumszeit findet sich ganz sicherlich.


Die jungen Pfarrer*innen in der Prignitz haben sich zu einem Entsendetenkonvent zusammengeschlossen. Auch die Vikar*innen sind hier sehr willkommen. Welche Unterstützung gibt es noch für Newbies in der Prignitz?

Wertschätzung und Augenhöhe. Ich halte das für das Entscheidende. Und dann finden sich auch die passenden Unterstützungsleistungen, die sich ja am individuellen Bedarf ausrichten müssen.


Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Menard! Gott segne Sie und Ihren Dienst.

Das Gespräch mit Eva-Maria Menard führte Dagmar Kelle.

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