#proloco Deine EKBO proudly presents: Vikar Benjamin Liedtke, Havelberger Dom: „In der Prignitz kann Kirche gestaltet werden, wie ich es nirgends sonst erlebt habe.“

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Benjamin Liedtke ist seit März 2016 Vikar am Havelberger Dom in der Prignitz, Foto: Privat
In einem Jahr will Benjamin Liedtke ordinierter Gemeindepädagoge der EKBO sein. Bis dahin absolviert er sein Vikariat in Havelberg, einer Kleinstadt in der Prignitz am Zusammenfluss von Havel und Elbe. Folgt man dem einen Fluss kommt man nach Berlin, folgt man dem anderen nach Hamburg. In unserem 2. Deine-EKBO-Sommerinterview 2017 haben wir mit ihm gesprochen.
Benjamin, folgender Steckbrief liegt von dir vor:

Benjamin Liedtke ist 29 Jahre alt. Er ist gebürtiger Berliner. An der Humboldt-Universität zu Berlin hat er von 2008-2010 Ev. Theologie studiert und an der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB) von 2010-2015 Ev. Religions- und Gemeindepädagogik. Neben dem Studium absolvierte er eine Weiterbildung zum Ehrenamtlichen-Koordinator und zur „Selbstevaluation in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit“. Vor dem Vikariat war Benjamin Liedtke an der EHB in der Verwaltung und Kinderbetreuung sowie im Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg als Koordinator für internationale Jugendbegegnungsarbeit tätig. In seiner Freizeit spielt er leidenschaftlich gerne Gitarre und singt in Chören.


Nun bist du seit März 2016 Vikar am Havelberger Dom. Havelberg gehört zur EKBO, liegt aber schon in Sachsen-Anhalt. Was führt dich in die Hansestadt?

Der Vorschlag für meine Vikariatsgemeinde kam von Seiten der Landeskirche. Ich hatte von Havelberg bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gehört. Nach einem Besuch in der Stadt und einem Kennenlerngespräch mit dem Pfarrer der Gemeinde entschied ich mich für ein Vikariat dort.

Ich hatte von Havelberg bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gehört.

An Havelberg überzeugten mich die ausgebaute Tourismusarbeit der Kirchengemeinde um das Domgelände, die Kooperation mit der Bundeswehr und die kleinen Dörfer, die zum Pfarrsprengel gehören.


Mit welchen Erwartungen bist du in die Prignitz gegangen?

In der Prignitz habe ich ein Abenteuer erwartet. Ich wollte erleben, wie Kirche im ländlichen Raum gestaltet wird und wie es sich dort leben lässt. Das war für mich völliges Neuland, da ich zuvor an verschiedenen Teilen Berlins gelebt und gearbeitet habe.

In der Prignitz habe ich ein Abenteuer erwartet.

Ich wollte hier meine eigenen Grenzen austesten und erweitern. Auch habe ich hier schöne Landschaften und einen starken Zusammenhalt auf den Dörfern erwartet. Gleichzeitig ist Landleben bei mir mit Bildern von wenigen Menschen besetzt (besonders in Gottesdiensten).


Welche Erwartungen haben sich erfüllt?

Mein erster Dorfgottesdienst im kleinen Jederitz bestätigte meine Klischees. Es kam eine einzige Person aus dem Dorf und mein Vikariatsmentor. Da ich viel Arbeit in den Gottesdienst gesteckt hatte, feierte ich ihn halt mit denen, die da waren. Ich habe alle Lieder mit der Gitarre begleitet, da kein Kirchenmusiker vor Ort war. Es war eine Erfahrung, die mir eine enorme Selbstsicherheit gegeben hat. Ich kann das zur Not auch alleine. Prediger, Liturg und Musiker in einer Person. Neben Verantwortung ermöglicht einem diese Situation auch Freiräume. Ich kann zum Proprium (= Thema) des Sonntags Zugänge mit Liedgut aus dem Evangelischen Gesangbuch oder auch mit Popsongs wie „Heal the World“ von Michael Jackson eröffnen. Auch in den mehreren Gottesdiensten, die man am Sonntag an den verschiedenen Predigtstätten feiert, habe ich viele Möglichkeiten zur Arbeit an meiner liturgischen Präsenz entdeckt. Was im ersten Gottesdienst nicht geklappt hat, kann für den zweiten überarbeitet werden.


Hattest du auch Vorbehalte? Wenn ja, welche?

Große Vorbehalte hatte ich bezüglich des kulturellen Lebens in Havelberg und Umgebung. Bei den wenigen Menschen in der Kleinstadt und den Dörfern finden Veranstaltungen nur sehr vereinzelt statt. Auch Einkaufsmöglichkeiten und -zeiten waren ein Schock.

Auch Einkaufsmöglichkeiten und -zeiten waren ein Schock.

Wenn man in Berlin-Schöneweide neben einem Rewe-Markt gewohnt hatte, der bis 24:00 Uhr geöffnet hat, ist der Kühlschrank auf dem Land schnell leer, weil alle Läden um 20:00 Uhr schließen. Nachdem ich mich an die Umstände gewöhnt hatte, fragte ich mich, ob Menschen wirklich bis 24:00 Uhr hinter einer Ladenkasse arbeiten müssen oder ob sich unser System nicht in falsche Richtungen entwickelt.


Was ist der besondere Reiz an der Prignitz?

Die Landschaften sind hier atemberaubend schön. Überall finden sich Schlösser, Burgen und alte Hansestädte. Versteckte Orte, die erkundet werden wollen. Mit dem Auto auf den Landstraßen entdeckt man immer wieder neue Orte.

Einfach anhalten, durchatmen und in einen See springen. Das ist Leben in der Prignitz.

Einfach anhalten, durchatmen und in einen See springen. Das ist Leben in der Prignitz.


Was vermisst du an Berlin?

An Berlin vermisse ich die Möglichkeit, mich einfach mal spontan mit Freunden abends auf ein Bier zu treffen. Auch Einkaufsmöglichkeiten und Konzerte sind hier nicht mal schnell realisierbar. Alle diese Dinge sind jedoch nicht unmöglich. Mit einem vollgetankten Auto und langfristiger Planung wird Freizeitgestaltung möglich. In gut zwei Stunden hat man Berlin erreicht. Es ist eine Umstellung nach dem Studium dort, aber machbar. Letztendlich ist aber besonders die Vikariatszeit durch die eigene Abwesenheit geprägt. Durch Fachseminare in Berlin, dem Kloster Lehnin und der Lutherstadt Wittenberg ist man einen Großteil der Vikariatszeit unterwegs.


Was ist die Chance der evangelischen Kirche in der Region?

In der Region kann evangelische Kirche ihre Stärken in der Vernetzung von Menschen ausspielen wie nirgends sonst. Viele Menschen vor Ort sehen den Rückbau, der überall in ländlichen Regionen geschieht. Schulen, Läden, Verwaltung und Arztpraxen werden aufgegeben, so dass viele Menschen gezwungen sind, in die großen Zentren zu fahren oder dort hinzuziehen. Das wollen viele Beteiligte aus Gesellschaft, Wirtschaft sowie Privatpersonen nicht mehr einfach hinnehmen und suchen nach Lösungsstrategien, um ihre Heimatorte weiterzuentwickeln, sodass diese an Attraktivität gewinnen und Menschen dort eine Perspektive für sich finden. Metropolen, in denen Mieten unbezahlbar werden, sind auf Dauer auch keine Lösung. Dem kann begegnet werden, wenn die ländlichen Regionen gestärkt werden und den Menschen dort wieder Zukunftsperspektiven geboten werden.

Die ganze Bandbreite der Gesellschaft ist in der Kirchengemeinde vereint.

Das geht nur mit Lösungen und Strategien vor Ort, da es diese pauschal nicht gibt. So, wie es „die Kirche“ nicht gibt, existiert auch nicht „die Region“. Es sind immer individuell gewachsene Strukturen und Netzwerke. Die evangelische Kirche ist hier so gut vernetzt wie keine andere Organisation vor Ort. Über den gemeinsamen Glauben kann sie Menschen an einen Tisch bringen, die sonst nicht einfach miteinander ins Gespräch kommen würden. In Havelberg reicht dieses Spektrum von dem Fischer über den Werftbetreiber, örtliche Lehrkräfte, die Stadtverwaltung, Bundeswehrgeneräle bis zur Bundesministerin für Bildung und Forschung. Die ganze Bandbreite der Gesellschaft ist in der Kirchengemeinde vereint.

Dieses Vernetzungspotenzial sehe ich bei keiner anderen Organisation oder Institution. Kirche kann hier zu einer wesentlichen Keimzelle und Ideenpool für ein starkes Gemeinwesen werden. Das ist für mich gelebtes Evangelium. Nicht Angst und Trauer über Vergangenes, sondern Mut und Freude über das, was gemeinsam und mit Gottes Hilfe entstehen kann, ist für mich die befreiende Botschaft der evangelischen Kirche im ländlichen Raum. Dafür braucht es mutige Menschen, die etwas wagen. Kommt doch mal auf einen Kaffee nach Havelberg :)!


Was macht das Pfarramt in der Prignitz attraktiv?

In der Prignitz kann Kirche vor Ort gestaltet werden, wie ich es nirgendwo sonst bisher erlebt habe. Egal, bei wem ich mich vorstelle, sei es der Jugendclub, die Schulen oder die Stadtführer, alle signalisieren ihre Bereitschaft für gemeinsame Projekte. Vieles von Gewohntem gibt es oft nicht. Kantorinnen und Kantoren sucht man vielerorts vergeblich. Hier heißt es kreativ werden und Wege zu finden, um Bedürfnisse gemeinsam zu erfüllen. Weder Jesus noch die Apostel haben schließlich mit einem kompletten Personalapparat begonnen.

Die Menschen, die ich treffe, wollen etwas tun, um ihr Leben hier vor Ort besser zu machen. Mein Vertrauen darin wurde hier nie enttäuscht, und wenn man die Menschen unterstützt, stellen sie Musikfestivals, Flüchtlingsfeiern, Schulprojektwochen und attraktive Gottesdienste auf die Beine. Gerade das Zuhören habe ich als eine wesentliche Voraussetzung für besuchte Gottesdienste erfahren. Was wollen die Menschen vor Ort? Wie häufig wollen sie Gottesdienst feiern? Gibt es Wünsche nach ergänzenden Alternativangeboten wie Taize-Feiern? Wenn man den Menschen diese Fragen ernsthaft stellt, geben sie ehrliche Antworten. Nach vielen Begegnungen und Gesprächen auf den Dörfern durfte ich dann Heiligabend 2016 in der Dorfkirche Jederitz, in der ich meinen ersten Gottesdienst mit zwei Personen gefeiert habe, noch zusätzliche Stühle in die Winterkirche tragen. Rund 50 Personen feierten mit.


Welches ist dein Lieblingsort in deiner derzeitigen Wahlheimat?

Das hängt von der Jahreszeit ab. Im Sommer ist es eine kleine Tribüne auf der Havelberger Stadtinsel direkt an der Havel. Hier gibt es traumhafte Sonnenuntergänge und beim Gitarrenspiel – Üben muss man eh, und draußen ist es am schönsten. – ergeben sich schnell spannende Gespräche mit Touristen. Warum spielt man kirchliche Lieder? Wie kommt man im Jahr 2017 auf die Idee, in den Pfarrdienst gehen zu wollen? Gerade im Urlaub sind Menschen neugierig, auch auf die Kirche.


Da muss ich natürlich noch einmal nachfragen: Warum spielt man kirchliche Lieder? 

Musik ist für mich eine wesentliche Ressource in meinem Leben. Sie gibt mir Kraft in meinem Alltag und hilft mir, Kreativität freizusetzen. Wenn ich beim Predigtschreiben mal gedanklich feststecke, finde ich in etlichen Liedern vertonte Theologie. Viele Menschen erkennen diese wieder, weil sich selbstständig Gesungenes gut einprägt. Dadurch lassen sich gute Anknüpfungspunkte für eine Predigt finden. Gleichzeitig bietet mir Musik eine Möglichkeit, christliche Verkündigung gemeinschaftlich zu gestalten.

Musik erlaubt mir einen mitreißenden Zugang.

Ob Wechselgesänge in der gottesdienstlichen Liturgie, dem Einstimmen in Choräle oder dem Untermalen von Sprechgesang durch Bodypercussion: Musik erlaubt mir einen mitreißenden Zugang zu gelebter Religiosität mit einer einzigartigen emotionalen Tiefe. Darüber hinaus macht Musik einfach Spaß.


Und: Wie kommt man im Jahr 2017 auf die Idee, in den Pfarrdienst gehen zu wollen?

Das Pfarramt bietet mir Möglichkeiten, Glaubenszugänge, die mir persönlich etwas bedeuten, auch anderen Menschen anzubieten. Dabei erlebe ich eine große kreative Freiheit in meiner Arbeit. Ich nehme meinen Verkündigungsauftrag auf der Kanzel war, auf dem Friedhof, am Taufbecken oder bei Kooperationsprojekten mit der örtlichen Schule. Der Pfarrberuf steht für mich dabei für Vertrauen.

Dieser Vertrauensvorschuss wird mir schon als Vikar entgegengebracht.

Dieses wird mir bereits als Vikar entgegengebracht. Mit Hilfe dieses Vertrauensvorschusses kann ich Menschen ins Gespräch mit Glaubensgewissheiten und miteinander bringen und dadurch an der Gestaltung der Gesellschaft mitwirken. Bei meinen Tätigkeiten fühle ich mich durch die Menschen, die mich umgeben, meine fachwissenschaftlichen Kenntnisse und die befreiende Botschaft von Gottes Gnade getragen. Dieser Handlungsspielraum in Kirche und Gesellschaft macht für mich den Reiz des Pfarramtes aus.


Herzlichen Dank für das Gespräch, Benjamin. Gott segne dich und deinen Dienst!

Das Gespräch mit Benjamin Liedtke führte Dagmar Kelle.

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