Predigt zum Abschluss der Frühjahrstagung 2017 für den EKBO-Studierendenkonvent

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Vom 21. bis 23. April 2017 fand unsere Frühjahrstagung für den EKBO-Studierendenkonvent zum Thema Frömmigkeit statt. Hier könnt ihr die Predigt von Pfarrerin Dagmar Kelle im Abschlussgottesdienst noch einmal nachlesen, den wir gemeinsam mit der Schönberger Gemeinde am diesjährigen Tagungsort gefeiert haben.

 

Predigt zu Johannes 21,1-14
Quasimodogeniti 2017 in Schönberg (Mark)

I.

Jesus nahm das Brot, brach’s,
gab es seinen Jüngern.

Desgleichen nahm er auch den
Fisch.
Und gab ihnen den.

So vertraut und doch so fremd.

Ein Kohlenfeuer am Boden
und Fisch darauf und Brot.
Hatten nicht die Knechte und Diener ein Kohlenfeuer gemacht?
Denn es war kalt.
Und sie wärmten sich.
Auch Petrus stand bei ihnen
und wärmte sich.

So vertraut und doch so fremd.

Petrus sagt: „Ich gehe fischen.“
Er geht und tut das,
was er am besten kann.
Doch irgendwie scheint er
auch das verlernt zu haben.

Vertraut und doch ist nichts mehr, wie es war.

II.

Jesus am Ufer, ein Vertrauter und ein Fremder zugleich.

Obwohl er sich, nachdem ihn Gott auferweckt hat,
schon zwei Mal gezeigt hat, ist alles wie ein Film.
Eine Art Roadmovie mit einigermaßen kaputten Typen,
die fischen gehen, weil ihnen nichts Besseres einfällt
und weil es das einzige ist, was sie sich noch zutrauen.
Jetzt, nachdem Jesus, für den sie doch alles auf eine Karte gesetzt hatten,
tot war und doch nicht tot ist.

Es ist alles wie ein Film.

Petrus ist konfus.
Er fährt mit dem Boot raus.
Dann sieht er Jesus am Ufer stehen.
Er selbst ist nackt.
Schnell zieht er sich etwas über
und springt ins Wasser.
Moment!
Er zieht sich an, um dann ins Wasser zu springen.

Ich meine, was hätten Sie denn gemacht?
Sie sitzen nackt im Boot,
und der Leibhaftige steht am Ufer.

Befremdlich und doch allzu menschlich.

III.

In der Abfolge des Johannesevangeliums
erscheint Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern hier am Strand das dritte Mal.

Schon beim ersten Mal
hatte die Begegnung mit dem Auferstandenen zu Verwirrung geführt.
Maria meinte,
es sei der Gärtner.

Doch Jesus gibt sich zu erkennen.
Alles scheint wie es war,
säße der Schrecken des Todes nicht tief:
Ich habe den Herrn gesehen.

Alles so vertraut, aber ach, was sag ich.

Schon beim zweiten Mal,
gleich am Abend jenes Ostermorgens
erscheint Jesus einer ganzen Gruppe von Jüngerinnen und Jüngern.
Friede sei mit Euch!
grüßt er sie.

Ein Gruß, uns bis heute vertraut und so weiter.

Jesus,
er scheint also hier am Strand zum dritten Mal
einfach nur dazustehen.
Und die Jüngerinnen und Jünger,
wie stehen die jetzt da?

Die ganze Nacht hatten sie vergeblich ihre Netze ausgeworfen.

Die ganze Nacht hatten sie zu siebt auf einem wackligen Kahn verbracht.

Die ganze Nacht bis zum ersten, zweiten,
dritten Hahnenschrei.
Nein, das ist eine andere Geschichte.
Bis der auferstandene Jesus
zum dritten Mal einfach dasteht.
Aus heiterem Himmel,
der für seine Jüngerinnen und Jünger doch so
wolkenverhangen
scheint.
Sonne,
Regen, Hagel,
Sonne,
Regen, Hagel,
Sonne!
Zum dritten Mal.
Nach dem 153. Fisch.

Nachdem der Hahn…
Nein, das ist…
Petrus ist ein ganz anderer Mensch und doch…

IV.

Liebe Gemeinde!

Wer hier in Schönberg aufwacht,
kann den Hahn morgens krähen hören.
Wer hier in Schönberg
am Sonntag nach Ostern
Gottesdienst feiert,
ist über ein Gräberfeld gegangen
an den Toten von Schönberg vorbei.
Wer hier in Schönberg lebt,
wenn auch nur für ein Wochenende,
braucht ca. 3 km bis zum Strand.
Man kann sich ein Boot mieten,
damit auf den See fahren,
fischen gehen,
im märkischen Sand frühstücken.
Wer hier im Schönberg
nachösterlich lebt, …

Ja, wie ist das?

Wie stehen wir jetzt da?

Im dritten nachösterlichen Jahrtausend,
im dritten Jahrhundert,
nachdem Theodor Fontane seine Wanderung durch die Mark unternommen hat,
im dritten Jahrzehnt nach dem Mauerfall,
drei Kilometer vom nächsten Seeufer entfernt,
wo ER vielleicht stehen könnte
oder vielleicht auch nicht.
Hier in Schönberg,
wo uns
– Hand aufs Herz –
so mancher für religiöse Spinner hält.

Wie lebt es sich in Schönberg
nach Ostern,
nach der Auferstehung,
die wir nicht beweisen können,
für die es aber doch Beweise gibt.

Dreimal hatte Jesus doch dagestanden.

Und wir?
Hier in Schönberg,
wo stehen wir?
Nach 2000 Jahren Christusgeschichte,
nach 500 Jahren Dorfgeschichte,
nach 25 bis 85 Lebensjahren,
8 Semestern Theologie oder Gemeindepädagogik.
Vorsicht, das Stauende liegt in einer Kurve.

V.

Die Schönberger Kirche,
die uns Gäste alle in ihren Bann gezogen hat,
liegt in einer Kurve.

Die Kirchengeschichte
in Berlin, Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz
liegt in einer Kurve,
sie verläuft nicht geradlinig.

Genauso wenig wie die Geschichte,
Gegenwart
und Zukunft der Ordinierten.
Für das Leben und Arbeiten von Pfarrerinnen und Pfarrern,
von ordinierten Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen
ist die Kurve überhaupt ein,
wie ich finde,
treffendes Bild.

Zur Pfarrpraxis brauchen sie zunächst eine gewisse Pfarrtüchtigkeit,
die Sie sich in Studium und Vikariat erwerben.
Es ist ein vorausschauenden Fahren geboten,
denn man sieht nicht immer,
was hinter der Kurve liegt.
Pfarranfänger brauchen Mentorinnen und Mentoren,
mit denen sie sich austauschen können,
brauchen
Druckanzeigen,
Fahrtenmesser,
Flugstundenzähler
und einen Kompass.

Wer wie Sie Pfarrerin oder Pfarrer in unserer Kirche wird oder ordinierter Gemeindepädagoge,
wer wie wir alle als Christinnen und Christen
in Schönberg lebt,
wenn auch nur für ein Wochenende,
braucht einen Kompass.

Wir brauchen den Weg über das Gräberfeld in der Gewissheit,
dass unsere Toten nicht beim Gärtner sind,
sondern beim auferstandenen Herrn Jesus.

VI.

Wer wie wir als Christinnen und Christen
in Schönberg lebt,
wenn auch nur für ein Wochenende,
braucht die Versammlung,
ob im Gottesdienst,
gegenüber im Haus der Begegnung,
beim Frühstück on the beach
oder beim Fischen auf dem Gudelack-, Wutz- oder Vielitzsee mit
Aal, Wels, Lachsforelle,
Zander, Hecht, Karpfen,
Schleie, Barsch, Plötze
oder Fischstäbchen.

153 Fische
und eine Frage,
gestern wie heute:
Wie stehst du da?

Wie stehst du da?

Bisweilen kommt uns unser ganzes Leben wie ein Film vor.

Wir haben an diesem Wochenende viel über Frömmigkeit gesprochen,
gehört und einiges ausprobiert.

Also: warum sollten wir fromm sein?
Und was heißt das eigentlich?

(Zitat)

Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden,
nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden,
nicht ein Sein, sondern ein Werden,
nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.
Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber.
Es ist noch nicht getan oder geschehen,
es ist aber im Gang und im Schwang.
Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.

(Zitatende)

Und unsere Kirche und unser ganzes Leben
vom Anfang bis zum Ende
liegen in einer Kurve.

Leben und fahren wir so,
als ob uns jederzeit
– ob mit oder ohne Talar –
der auferstandene Jesus begegnen könnte.

Weil er einfach dasteht.

Und weil er immer noch dasteht
und sich nicht von uns abwendet,
wenn wir uns mal wieder richtig blöd anstellen
so wie Petrus,
der sich seine Klamotten an- statt auszieht,
bevor er ins Wasser springt.

Weil wir nicht wissen,
was wir beten sollen,
wie sich gebührt.

Weil wir nicht dem
altmodischen,
konservativen,
homophoben
und langweiligen
Bild von Kirche entsprechen.

Denn wenn ich das Evangelium richtig verstanden habe,
dann ist das Leben mit Christus alles andere als das.

Und wir stehen nicht länger da,
werfen nicht länger unsere Netze aus
und wissen doch schon vorher,
dass das alles nichts bringt,
sondern teilen Brot und Fisch
und Wein,
wärmen uns am Feuer,
lassen den Hahn von Schönberg krähen,
einmal,
zweimal,
dreimal,
verleugnen uns nicht als Christinnen und Christen,
die wir sind, nicht weil wir fromm sind,
sondern weil Christus uns angenommen hat,

weil wir Christus anziehen,
bevor wir ins Wasser,
wenn es sein muss ins kalte Wasser springen.

Amen.

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