„Neu gestalten und aufbrechen“ möchte Theologiestudentin Sophia Dollan in der Zukunft der Kirche. Sie war für die EKBO beim Think-Tank der EKD dabei.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim EKD-Think-Tank vom 23. bis 25. Juni 2017 – Für die EKBO war Sophia Dollan (1. Reihe 1. v. r.) dabei!
18 Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten, Vikarinnen und Vikare aus 14 evangelischen Landeskirchen haben sich für ein Wochenende auf der Raketenstation Hambroich getroffen. Eingeladen hat sie die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD).

Hier, wo in der Zeit des Kalten Krieges Abwehrraketen standen, befindet sich heute ein Ort der Kunst, Wissenschaft und Natur: ein riesiges Areal, bewachsen mit hohem Gras und wilden Apfelbäumen. Dazwischen steht schlichte Architektur aus rotem Ziegel, mit leeren Räumen, großen Fenstern und unverbautem Blick. Wie sieht die Kirche der Zukunft aus? Wie muss sie aussehen, damit sie weiter relevant bleibt und die Menschen erreicht?

Zur Vorbereitung auf den Think-Tank der EKD hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer überlegt, welchen Gegenstand sie für die Kirche in 50 Jahren in eine Zeitkapsel legen wollen. Was ist ihnen wertvoll? Was soll der Kirche nicht verloren gehen? Dörte Mohme hat Komposterde mitgebracht, „als Zeichen der Erdung und als Zeichen fürs Werden und Vergehen“. Sophia Dollan sieht in einem Ladekabel eine „Erinnerung daran, dass die Kirche Kraft geben kann, aber auch daran, dass sie den Anschluss nicht verlieren darf“. Und Veronika Grüber würde einen kleinen Regenschirm in die Zeitkapsel legen, „als Symbol des Schutzes, da auch die Kirche ein Platz zum Ausruhen ist und ein schützendes Dach bietet“. Große Lacher gibt es bei einem mitgebrachten Knäckebrot.

Nachmittags steht dann das Geo-Storming auf dem Programm, eine Mischung aus Geocaching und Brainstorming. Die erste Station der Studentinnen Christiane Trumpp, Dörte Mohme und Sophia Dollan ist eine meterhohe, rostige Stahlkessel-Skulptur. Die drei gehen um den Kessel herum, ertasten die raue Oberfläche, stemmen sich dagegen. Langsam entsteht ein Austausch zu der Frage, wo die Kirche Anker und wo womöglich Ballast ist. „Für Beteiligte“, findet Christiane Trumpp, „kann Liturgie ein Anker sein und für Außenstehende ein Hindernis.“ Sophia betont, dass sie „die christlichen Werte nicht verändern möchte, die Form aber durchaus.“ Und Dörte führt mit ihrer Frage: „Was sind christliche Werte überhaupt?“ direkt zu den Kernthemen des Wochenendes.
An der nächsten Station sind Katharina Aylin Müller, Max Melzer und Matthias Engelhard in eine emotionale Diskussion verwickelt. Die Frage ist, ob die Kirche der Zukunft eher zentral oder dezentral organisiert sein wird, und an welchen Orten sie wohl stattfinden wird. Dabei sitzt die Dreier-Gruppe vor dem so genannten Abraham-Bau.

Mit Hilfe von Tablets und Minikameras sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an weiteren Stationen und Gebäuden selbst kleine Filme drehen: Ein persönliches Statement zur Zukunft der Spiritualität und eine eigene Vision von kirchlicher Gemeinschaft. Der Wunsch nach einer Hinwendung zur Lebenswirklichkeit der Menschen ist ein Gedanke, der auch die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer bewegt und der sich durch das Wochenende zieht. Student Marcel Schmidt fasst die Grundstimmung in der Gruppe so zusammen: „Eigentlich sind wir ja optimistisch“, schießt es aus ihm heraus, „es rappelt nur gerade, und es ist gut, die Probleme anzuerkennen.“

Am nächsten Tag überlegen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Handlungsaufforderungen für die Kirche von morgen. Ein selbstgestaltetes Plakat soll dabei helfen, die Aufforderungen auf den Punkt zu bringen. Welche Form für welchen Inhalt? Das ist die große Frage, mit der alle konfrontiert werden. Jeweils zu zweit brüten sie, ausgestattet mit dicken bunten Stiften, Pappen und Scheren, über großen weißen Flipchart-Blättern auf der Suche nach ‚ihrem‘ Plakat. Sie überlegen, diskutieren, schreiben, zeichnen, verwerfen, verzweifeln, streichen durch, entwickeln neu.

Eine emotionale Diskussion über den „Markenkern der Kirche“ beginnt, und führt Max Melzer dazu zu fragen, was die christliche Botschaft denn genau für die anderen sei. Dazu gibt es viele Antworten. Die von Vikar Tom Siller ist klar: „Wenn ich keine eschatologische Hoffnung mehr hätte, würde ich den Job nicht machen.“ Auf anderen Plakaten spielt der Ruf nach mehr Individualisierung eine große Rolle. Einige Plakate haben ganz konkrete Einzelforderungen, wie die Abschaffung des § 39 (2) im Pfarrdienstgesetz der EKD. Auf dem Plakat ist der schwarz gedruckte Paragraph mit orangefarbener Sprühfarbe durchkreuzt. Die darin formulierte Zugehörigkeit der Ehepartnerinnen und Ehepartner von Pfarrerinnen und Pfarrern zur evangelischen bzw. christlichen Kirche, finden sie überholt. Für Katharina Aylin Müller dagegen ist der Verwaltungsüberbau als Zeit- und Geldfresser ein großes Thema, auf das sie mit ihrem Plakat durch ein rotes Stoppschild aufmerksam macht, auf dem „Verwaltung“ steht.

Was ist zu tun mit dem Wunsch nach mehr Lebens- und Menschennähe, nach einer Öffnung der Gotteshäuser, einer breiteren Zielgruppenansprache, einem neuen Selbstverständnis? Johannes Schneider möchte sich weiter mit der Ökumene beschäftigen und damit, was die evangelische Kirche ausmacht. Lisa Bender meldet sich, um Beispiele für ungewöhnliche Gottesdienste und Gottesbegegnungen zu recherchieren. Max Niessner möchte ein Video-Blog-Format mit kurzen Texten und Clips dazu vorbereiten, wo Kirche in besonderem Rahmen außerhalb von Gotteshäusern arbeitet.

Aus einander fremden Teilnehmerinnen und Teilnehmern ist eine Gruppe geworden, aus Ideen zu Spiritualität und kirchlicher Gemeinschaft Filme, aus Handlungsaufforderungen sind Plakate entstanden, und jeder und jede Einzelne nimmt ein Projekt mit nach Hause. „Das atmet so viel Luft. Das ist mal was anderes, andere Designs, eine andere Sprache.“, beschreibt Uta Sürmann das Wochenende zusammenfassend. Und Tamara Schellhorn ergänzt: „Wir waren eine junge Truppe, die sich zusammengefunden hat, um eine Basis zu schaffen, damit die Kirche neue Wege gehen kann.“

Auszüge aus: Die Zukunft denken – wie ein „Think-Tank“ die evangelische Kirche von morgen beflügeln kann

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