Disputation zum AT – Ein Erlebnisbericht

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Am 13. Juli 2015 fand die lang ersehnte Disputation über die Thesen von Prof. Dr. Notger Slenczka zur Kanonizität des Alten Testaments im Auditorium Maximum der Humboldt-Universität Berlin, Unter den Linden, statt.

Ein Erlebnisbericht von stud. theol. David Frank

Die Disputation im Audimax der Humboldt-Universität zu den Thesen zum Alten Testament von Prof. Dr. Slenczka war gut besucht. Das Audimax war, so weit ersichtlich, voll besetzt.
Die Diskussion wurde meiner Auffassung nach derartig von unwissenschaftlicher Berichterstattung überstrahlt, die zum Teil auch auf persönlicher Ebene und in der Öffentlichkeit ausgetragen wurde, dass eine Stellungnahme überfällig war. Umso mehr ist es zu begrüßen, dass es nun zu einer wissenschaftlich-sachlichen Diskussion zu diesem wirklich zentralen Thema in der Auseinandersetzung zwischen Neuem und Altem Testament gekommen ist.

Disputation im voll besetzten Audimax
Disputation im voll besetzten Audimax der HU Berlin

Eine der zentralen Auseinandersetzungen während der Disputation drehte sich um den Adressatenkreis des Alten Testaments und die damit verbundene Frage der Normativität. Damit verknüpft sich direkt die Frage, ob es möglich ist, wie in der Zeit der Reformation, einen „Über-Sinn“ des Alten Testaments definieren zu können. Dieses muss für Christen gewiss die christologische Lesart des Alten Testaments sein. Dabei stellt sich aber die Schwierigkeit, auf die Prof. Dr. Witte aufmerksam machte: Ist bei einem so häufig überformten, und partikelhaft gewachsenen Textkontingent wie dem Alten Testament (Septuaginta) ein Adressatenkreis überhaupt feststellbar, den die christlichen Kirchen dann in der Rezeptionsgeschichte für sich in Anspruch genommen haben? Wenn nein, ist gewisslich auch die christlogische Lesart schwer zu halten. Hinzu kommt, wie Frau Prof. Dr. Liss anmerkte, dass selbst für die jüdische exegetische Tradition die schriftliche Tora kaum einen Anspruch auf Normativität gehabt hätte.
Diese und weitere Fragen zu beantworten wird Aufgabe der zukünftigen theologischen Debatte sein. Diese darf und kann nicht nur an der Berliner Theologischen Fakultät stattfinden, sondern muss zwangsläufig unter dem Eindruck der Neubestimmung des Verhältnisses der Kirchen zum Judentum in den letzten Jahrzehnten deutschlandweit erfolgen. Ob Prof. Dr. Slenczka wirklich fordert, das Alte Testament „abzuschaffen“, bleibt eine These. Vielmehr wurde deutlich, dass die Theologie vor zwei Alternativen gestellt ist: Zum einen das Alte Testament nicht auf Christus hin zu deuten, womit seine Normativität für die christlichen Kirchen hinter der des Neuen Testaments zurückbleibt, oder fortan das Alte Testament wieder stärker aus christlicher Sicht zu beanspruchen. Aber dann müsse man „sich warm anziehen“, so Prof. Dr. Slenczka.

David Frank

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